Die gelbe couch

Ich habe letztens wieder meine 32,5-Quadratmeter-Wohnung aufhübschen wollen, etwas wohnlicher gestalten wollen, mich lange auf Pinterest aufgehalten, wie man das so macht, wenn man Inspiration sucht, diverse Online-Warenkörbe gefüllt und gelöscht, viel Geld gespart und am Ende genau die Couch auf Etsy gefunden, die ich mir vorgestellt hatte. 60er Jahre, schönes Holz, ausziehbar, grün-gelbliches Polster, ein schönes Fundstück. Ich habe kurz hin und her überlegt, den Online-Warenkorb gefüllt und mir diese Couch bestellt. 
Ich war aufgeregt, wartete 4–5 Wochen, organisierte zwei Freundinnen, die mir helfen würden, dieses Prachtstück in den 5. Stock zu tragen. Ich hatte mit dem Händler bezüglich des Lieferdatums und des Transports hin- und herkommuniziert, und dann kam es endlich am Freitag, 2 Stunden, bevor ich zum Flughafen musste. Ein Familienauto hielt vor meinem Block an, zwei Männer stiegen aus dem Auto aus, hievten die Couch aus dem Kofferraum und fuhren direkt weiter. Unter Transporter hatte ich mir etwas anderes vorgestellt, vielleicht ein Familienunternehmen, redete ich mir ein. Es war dick eingewickelt in Pappe und Plastik, ein kompaktes, relativ grosses und schweres Paket. Wir haben zu dritt diese Couch hochgetragen, 5 Stockwerke, immer wieder aufgestellt, gedreht, gewendet, geschwitzt. Als wir oben ankamen, passte die Couch nicht in meine Wohnung rein, ich musste meinen in den Flur ausgelagerten Kleiderschrank (naja, Schrank ist eine Übertreibung, 3 Metallregale und ein Holzbrett) in mein Badezimmer verfrachten und dann mit Zirkeln, Drehen, Wenden, nochmals Drehen, haben wir die Couch in die Wohnung bekommen. Der Schweiß lief uns nur so runter. Nach jeweils einem halben Liter Wasser und kräftigem Atmen, haben wir angefangen, die Couch auszupacken. Es war wahrscheinlich genauso viel Verpackungsmaterial wie Couch vorhanden. Die Farbe war anders, neues Polster, gelb, sehr gelb, locker bespannt, das Holz schön, aber auch anders, ein leichter Geruch von Stall und Pferd stieg in meine Nase. Was habe ich da bestellt? 
Ich hatte keine Zeit, meinen Online-Kauf zu hinterfragen, ich machte ein paar Fotos und musste zur Tram rennen, meinen Flug erwischen. Mein Flug hatte natürlich an diesem Tag Verspätung, da saß ich also auf diesen dunkelgrauen Plastikstühlen am Flughafen und habe mich und meine neue Couch hinterfragt. Ich habe das Inserat nochmals aufgemacht und alles abgeglichen. Die haben mir eine andere Couch geliefert. Das Holz war anders, das alte Polster durch einen billigen Neubezug ersetzt worden. Ich schickte Fotos von der Couch via Etsy dem Verkäufer, welcher mit überraschend großem Verständnis darauf reagierte. Er schickte mir eine polierte ChatGPT-Antwort darauf, dass ich ja eigentlich ein neues Polster umsonst bekommen hätte, also eigentlich noch toller, als ich mir das ausgemalt hatte, und es gäbe zwei Optionen. Entweder ich behalte diese Couch oder Sie holen sie wieder ab und ich bekomme den vollen Preis zurück. Ich überlegte hin und her. Sollte ich ein People Pleaser sein und diese Couch einfach behalten, weil es "einfacher" war? Sie taten mir auch leid, nochmals einen Transporter organisieren zu müssen, aber gleichzeitig habe ich auch genügend Geld ausgegeben für eine originale 60er-Jahre-Couch. Ich entschied mich, die Couch zurückzuschicken. Nun warte ich aktuell darauf, dass diese wieder abgeholt wird, ich hoffe dieses Mal ab Wohnung und nicht ab Bordsteinkante. Ein unnötiges Objekt dieser Grösse in einer 32,5 Quadratmeter grossen Wohnung, gar nicht mal wenig Platz. 
Ich setzte mich ein paar Mal auf die Couch und überlegte, ob ich diese doch behalten sollte, aber wenn man schon mal die Möglichkeit hat, eine Entscheidung rückgängig zu machen, vielleicht sollte man diese auch einfach ergreifen und das Geld sparen. Ich schreibe diesen Text mit meinen Füssen in der Badewanne, gefüllt mit kaltem Wasser, und versuche, die 30 Grad früh morgens irgendwie zu überstehen.
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