Touristen in Paris

Wir kommen in unterschiedlichen Formen und Intensitäten. Einige von uns kaufen sich diese Polyester-T-Shirts mit fettgedrucktem Stadtnamen, ein Herz dazu, vielleicht ein dicker Magnet, der nicht am Kühlschrank halten wird, weil wir vergessen haben, dass unser Kühlschrank nicht magnetisch ist. Einige von uns kaufen sich Wochen voraus Tickets fürs Louvre, möchten die Mona Lisa ablichten, natürlich ohne Blitz, ganz nahe an das Meisterwerk herantreten, die dicken Ölpinselstriche begutachten, nicken, leicht vor uns hin stöhnen, so tun, als hätten wir die Kunst verstanden, durchdrungen, eingeatmet, wertgeschätzt. Einige von uns tragen eine schwere Spiegelreflexkamera um unseren Hals oder gar ein Stativ mit uns. Wir rücken den Eiffelturm in neues Licht, wir drehen so lange an dem Objektiv herum, Zoom, Licht, alles wird angepasst, mit schwitzigen Fingern abgedrückt, verewigt. Einige von uns möchten keinen quiet Luxury, wir möchten Logos, überall, auf den Plastiktüten, auf den etwas edler wirkenden Papiertüten, am Rand unserer dicken Sonnenbrille, auf unserem T-Shirt, an unserem Gürtel und gerne noch auf unseren Schuhen. Einige von uns stellen sich vor den Eiffelturm, lächeln, versuchen den Eiffelturm mit unserem Daumen und Zeigefinger zu fassen, verschieben die Position angestrengt nach links, nach rechts, folgen den Anweisungen unserer unbezahlten Kameraperson. Einige von uns setzen sich auch auf einen warmen Metallstuhl in der Sonne, überkreuzen unsere Beine beinahe, aber nicht ganz, unsere Beine sollen lang und schlank wirken, wir ziehen unsere Sonnenbrille tief ins Gesicht, wir werfen unser Haar theatralisch nach hinten, bewegen unseren Kopf in Zeitlupe, lachen, lachen nicht, bewegen unser Kinn in Millimeterschritten, finden den perfekten Winkel. Die fotografierende Person gibt alles, geht leicht in die Knie, folgt jeder Bewegung mit der Handykamera. Wir scrollen durch die Bilder, wir laden sie auf Instagram. Einige von uns gehen in ein fancy Café, bestellen Mini Pancakes, stellen unseren iced Matcha Latte neben die Pancakes, drehen die Pancakes, das Getränk, schieben Teller und Getränk hin und her, machen Fotos, evaluieren, verschieben, lassen das Essen kalt und das Getränk warm werden. Wir halten fest.                                      
Einige von uns gehen den teuersten Eiskaffee der Welt trinken, bezahlen für die Ruhe, das Gefühl, Teil einer schöneren und besseren Welt zu sein, bestellen die hoffentlich gratis Snacks viermal nach, gehen auf die schönste Marmortoilette der Welt und schmeißen das weiße kleine Handtuch in den geflochtenen Korb, schmieren uns die Handcreme als Bodylotion ein und verlassen die Ruheoase. Einige von uns setzen sich auf den Boden ihres Airbnbs, krümeln mit dem Pain au Chocolat, lecken die fettigen Finger genüsslich ab. Einige von uns stehen bei einem hype Restaurant an, trinken zur Überbrückung Wein auf der Parkbank, essen an einem kleinen Tisch direkt am Fenster, beobachten Leute. Einige von uns gehen auf den Flohmarkt und erhoffen sich viel zu billig angebotene Designerschätze. Einige von uns setzen sich in eine kleine laute Weinbar, setzen sich neben die Locals, beobachten die Leute und die Mode um uns herum, nippen an unserem Weinglas. Einige von uns gehen in Bücherläden, obwohl ihr Französisch nicht mal für eine Kaffeebestellung reicht. Einige von uns gehen bei Regen durch Paris. Einige von uns gehen in das kleine Restaurant in der Nachbarschaft und probieren sich durch das auf die schwarze Schiefertafel geschriebene Tagesmenü. Einige von uns sagen etwas zu oft, wie schön das alles ist. Einige von uns verabschieden sich in der Metro, blicken glücklich in die überfüllte Metro, schauen uns die geliebte Person noch einmal an und ziehen unseren kleinen Koffer hinter uns her. 
Einige von uns sind wir, einige von uns sind nicht wir. Einige von uns sind Touristen in Paris.

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